Ein Kreis schließt sich
Als ich vor Jahren als Flugbegleiter unterwegs war, ahnte ich nicht, dass daraus einmal ein Musical werden würde. Auf einem Flug nach New York habe ich „Galleymaus“ geschrieben – heute singt Tim Stolberg den Song als Maurice auf der Bühne des Theater Lahnstein. Für mich schließt sich damit ein Kreis.
Ehrlich gesagt: Ich hatte Zweifel
Ein Stück über Flugbegleiter·innen, mit einer lesbischen Liebesgeschichte und ganz viel Frauenpower – drei unserer vier Hauptrollen sind starke Frauenrollen, und das gibt es im Musicaltheater nur selten. Dazu ein Team voller schillernder, lauter, wunderbarer Persönlichkeiten. Am Anfang habe ich mich gefragt: Ist Lahnstein dafür der richtige Ort? Wären Köln, Berlin oder Hamburg nicht passender? Fühlen sich meine Leute dort wohl? Fühle ich mich wohl? Kommt das beim Publikum an – und was für ein Publikum hat das Theater Lahnstein eigentlich?
Der Moment mit Karl
Einer der wichtigsten Momente für mich war eine Textprobe mit Karl Krämer, der unseren Kapitän Hans Peter Otto spricht. An einer Stelle deutet der Kapitän an, dass er vielleicht auch auf Männer steht. Ich sagte zu Karl: „Das ist vielleicht unrealistisch, das musst du so nicht sprechen.“ Und Karl antwortete: „Natürlich will ich das sprechen. Das ist doch total cool – warum denn nicht?“
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass mein Bild von der Kleinstadt vielleicht komplett falsch war. Ganz ehrlich: In den Großstädten – in Köln, wo ich gerade lebe, aber auch in Berlin oder Hamburg – erlebe ich mehr Homophobie, als ich sie in Lahnstein je gespürt habe.
Keine Schere im Kopf
Die Menschen in Lahnstein haben mich so positiv überrascht, dass die Arbeit viel leichter wurde. Wir mussten nicht alles dreimal überdenken – auch nicht die Witze, die wir ins Stück aufgenommen haben. Vieles war einfach ganz natürlich. Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt und der Politik, die nach außen ja noch einmal ganz anders auftreten müssen, war locker, tolerant und herzlich.
Dadurch hatten wir keine Schere im Kopf und konnten unsere Geschichte so erzählen, wie wir sie erzählen wollten. Ich glaube, das hat dem ganzen Stück sehr gutgetan. Für mich war das ein großes Geschenk.
Unterhaltung und Haltung sind kein Widerspruch
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als DADA PENG mit Tod und Sterben – in Büchern, in Songs und mit der Initiative Superhelden fliegen vor, die ich gemeinsam mit Jana gegründet habe. Den Song „Superhelden fliegen vor“ habe ich ihr gewidmet; im Stück singt ihn Maurice, der nicht nur seinen Job, sondern auch seine Mutter verloren hat. „Noch singe ich“ habe ich ursprünglich als Mutmacher für Menschen in der Chemotherapie geschrieben, gesungen von Mary – heute ist er die große Arie im zweiten Akt, gesungen von Nadine Kühn.
Und weil wir von Tod und Sterben erzählen, sollen auch die Menschen dabei sein können, um die es geht: LAHNROCK AIRWAYS ist von Anfang an palliativ-friendly. Wer im Rollstuhl sitzt, eine Einschränkung hat oder palliativ begleitet wird, meldet sich vorher bei uns – und wir finden einen Platz.
Danke, Lahnstein
Dass diese Geschichte ihre Premiere in Lahnstein feiern durfte, bedeutet mir sehr viel. Eine Stadt, die ein Stück über Leben, Abschied und Liebe – in all ihren Formen – so offen aufnimmt, ist keine Selbstverständlichkeit.
Mirko Klos (DADA PENG), Autor & Creative Director
Fotos: Dirk Förger (Maurice) · © Dada Peng (Mary)